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s´käthchenschmeissen / oder / wie ein Horizont zum Hinterhalt wird  (Ausschnitt)

 

Aufführung 24.3.2004  Berlin NBK Chauseestrasse 128/ 129

Idee, Konzept, Textauswahl und Text: Volker März
Dramaturgie: Claudia Assmann

Sprecher Schauspieler A (und alle andere): Gunther Möllmann / D:de Sade: Justine / C:Kleist: Käthchen  von Heilbronn / B: Augenzeugen des 4.Dez 1944 in Heilbronn / A: März  / F: Leserbriefe / E : Firmenangebot

(ein kleiner vergoldeter Tonklumpen fällt von oben auf einen rosa Tisch mit der Aufschrift: UNHEIL. Schauspieler A beugt sich über den kleinen Klumpen und spricht zu ihm)

A: Na liebes Käthchen, den Körper sauber aufgeklappt? Guten Morgen. Zöpfe flechten, Schuhe zumachen, Rock glattstreichen, auf den Steinen in der Sonne sitzen? Ein wenig Lösungsmittel verschüttet? Ein Terpentin aus Schweigen und Schwitzen.

Wie? Ist schon ein Loch ins Herz gesengt? Warte nur, bis dass Gras drüber wächst.

Wie die Sonne der Stille dann brüllt und das Grell die Stadt durchgeistert.

Schau nur, wie das Gras dann im Glas neben der Leber vor Schreck verbleicht, es  geruchlos zusammen mit dem herannahenden Unheil rückwärts die Rathaustreppe zum Himmelsbach emporkriecht, der mit seinen drei braunen Schäferhunden “Deutschland bleibt Deutschland” spielt. Zu spät. Den Schoß schon hoch oben stadteinwärts gereckt, verhöhn´ die gekneteten Zungen aus Ton:

“Es ist Euch ein Käthchen geschmissen worn´!”

(4-5 vergoldeteTonklumpen kommen herab)

Jedes Klatschen ein Schlag, ein Peitschenhieb, Achtung! Da fliegt ein Fetzen Humor, und da liegt ein Stummel Restlachen und schaukelt im Dunkel der Schatten.

Die Mutter holt noch schnell das Fleisch bevor die gellenden Strafer aus den Wolken kommen. Kommen Himmel hoch heiter wie Bombons herab.

C: und da wir an das Fenster treten: schmeißt sich das Mädchen, ...dreißig Fuß hoch, mit aufgehobenen Händen, auf das Pflaster der Strasse nieder: gleich einer Verlorenen, die ihrer fünf Sinne beraubt ist! Und bricht sich beide Lenden, ...beide zarten Lendchen. dicht über des kniegrundes elfenbeinernem Bau, und ich bejammerungswürdiger Narr, der mein versinkendes Leben auf sie stützen wollte, muss sie, auf meinen Schultern, wie zu Grabe tragen

A: Wie wir dann weiter in den Töpfen den Ton der Toten kneten und auf Fremdes warten, das besser riecht als das zähe und säuerliche Fleisch der gemütlichen Mutter, in dem wir schwitzen.

Wie in diesem dunklen Geviert hier unten

keine Luft - nur Gift - Maulhalten und Anschwärzen, dies Unheil, das den Horizont zu einem Hinterhalt macht, aus dem nicht einmal mehr ein Stöhnen kommt, so dass in uns die Türme der freien Stadt Bronn erneut usammenschlagen, diese freie Stadt aus der nicht viel mehr als eine Hand voll Verkohltes kommt, zusammengekehrt und begraben im Ehrenhain der Totenkopf-Falterfolterer. 

B: Pest Tod und Rache..

A:So heulen die fleißigen Schweiger des verwalteten Vorteils und heben heimlich gegenseitig ihre Gruben aus, in die das Fundament der neuen Republik gegossen wird. Dank dem “4.12” “ dem “11.9.” und dem 11.3.” flüstern sich diese Schweiger hinter vorgehaltenen Händen Verschwörungstheorien zu, wird sich zuckend hinter den falschen Kränzen geduckt, wird einhergeschleift, und beschworen - Oh rollende Opfer, die Ohren verschlossen, in nasse  Decken und in den feuchten Weinberg gewickelt, schauen wir auf die sich unaufhörlich neu entzündende Stadt.

Und sehen, was zu sehen ist.

Verdammt, es fällt uns wie Schuppen von den Augen: wir haben die Täterhand der Tante in der LIDLtüte vergessen!

 

Nun ist sie fort und singt nicht mehr.

Er schweigt. Es schweigt.

Unaufhörlich

(viele Tonklümpchen praseln herab)

Käthchen, hör ich Gespenster? Von gestern -

und gestern ist lange her. Geht einen langen Weg zurück. Bis heute, hier an den Punkt, an dem ich bin. Eine Geschichte, die darauf  lauert zuzuschlagen. Die Zerkrümelung Berlins ist weit weg

Straßenszenen mit Erhängten tauchen auf. Händchenhaltende Kadaver als Dekoration einer verkehrten Kleinmädchen-Ding-Welt - Fußgängerzonenschneisen bis zum Anschlag gefüllt, Körper, die durcheinander gestürzt sind, letzte Ausscheidung als Entladung. Schlagartig pulverisiert, staubiger Rest eines gekauften Irrtums.

So ist die Stadt Bronn erloschen und mit ihr ihr Mut und ihre Liebenswürdigkeit. Ein trocken gewordener, neidgelber Luftballon nun, inmitten einer inzwischen ausgekehrten deutschen Ersatzmenschenfeier.

(alle Schauspieler kommen zur Rampe, nach jedem folgenden Satz schlägt ein Tonklumpen auf: )

A,B,C,D,E,F:

Von Bronn geht ein Unheil aus, das heißt “ Ducken”

Von Bronn geht ein Unheil aus, das heißt “auf der Lauer, auf der Lauer”

Von Bronn geht ein Unheil aus, das heißt

 

“Hintenrum Käferquetschen”

Von Bronn geht ein Unheil aus, das heißt “Angst und Angst und kalter Bauch”

Von Bronn geht ein Unheil aus, das heißt, “tugendhafte Verdächtigungen”

Von Bronn geht ein Unheil aus, das heißt “ brutale Sicherheit”

Von Bronn geht ein Unheil aus, das heißt, “4. Dezember”

 

B: 4. Dezember 1944

.Auf dem Platz liegen die Toten im Kreis.

 

C: Was hindert mich im Grimm des Siegs,

Dass ich den Fuß ins Hirn dir drücke?

B: Sie erinnert sich an den jungen Soldaten mit dem Gewehr, der auf die Leichen aufpassen musste

C: Heil dir o Jungfrau,

B: Sie ist im flüssigen Asphalt stecken geblieben und verbrannt

A: Unschuld ist ein schlechtes Lösungsmittel.

 

ABCDEF: Heil Dir, Käthchen von Bronn, Heil Bronn!

D: werden denn sie nicht sagen, der Weg der Tugend sei bei all seiner Löblichkeit doch der schlechtere, wenn sich erweise, dass die Tugend zu schwach sei gegen das Laster anzukämpfen, und der sicherste Weg in einem solch korrupten Jahrhundert sei, es wie die anderen zu halten

B: die ersten Moskitos kommen und werfen Lichterbäume ab

D:.wenn die Tugend vom Missgeschick verfolgt sei, das Laster aber stets dem Wohlergehen umgeben, wäre es dann nicht tausendmal besser, sich zu den Schlechten zu schlagen, denen es wohl ergehe, als zu den Tugendhaften, die scheiterten?

B: im letzten Moment kommt die Mutter nach Hause, sie hat noch irgendwo ein Stückchen Fleisch ergattert für den Hochzeitstag der Hochzeitszug

C: Ist dies die Braut?

Dies ist sie nicht 

Wohl an so nehmt sie, Herr Graf vom Strahl....

D: ..so ließ man alle Fenster im Salon öffnen. Der erste Blitz zuckt, heftiger Hagel prasselt zur Erde, wild heult der Wind, und entsetzliche Donnerschläge ertönen...Justine beeilt sich, ihre Schwester zu beruhigen, sie stürzt sich an eines der Fenster, kämpft eine Minute lange gegen den Sturm an - da schleudert sie ein Blitzschlag mitten in den Salon zurück...die unglückselige Justine hat es schlimm getroffen, dass keine Hoffnung mehr für sie besteht.

 

Der Blitz ist ihr in die rechte Brust gefahren, hatte ihren Busen versengt und war durch den Mund wieder ausgetreten

Mund ausgetreten

Mund ausgetreten

 

C: zu welchem du die Göttin spielen sollst.

Du sollst aus Lieb zu deinem Herren, für morgen

die Kleidung, die dich deckt beiseite legen ...

Der Hirsch der von der Mittagsglut gequält,

Den Grund zerwühlt, mit spitzigem Geweih,

Er sehnt sich so begiehrig nicht....

Ich weiß nicht verehrter Herr.

es ist ins Aug mir was gekommen

ins Aug? Wo?

(er küsst ihr die Tränen aus den Augen)

 

A: Wo ist die Hand der Tante

 

D: Dabei hatte er ihr Gesicht so sehr entstellt, dass es einen bei ihrem Anblick schauderte

Dich lähmt der bloße Blitz aus meiner Wimper?

C: Was hindert mich im Grimm des Siegs,

Dass ich den Fuß ins Hirn dir drücke?

Brecht... auf ihr Herrn

Wohin

Zurück nach Heilbronn, wo Du hingehörst

A: An der Hand der Tante durch die Flammen

D: Wohlan, ich werde dir zeigen, das deine Reize... nur dazu gut sind, das Feuer meiner Rachegelüste zu schüren

C: Pest Tod und Rache, diesen Schimpf sollt ihr mir büßen! (ab mit Gefolge)

D: “In der Stunde nach Mitternacht, fuhr sie fort, wird im Hause Feuer ausbrechen...ich habe dafür gesorgt. Vielleicht verbrennt jemand - das ist nicht so schlimm; unsere Rettung aber ist gewiss

Das Feuer brach aus, der Brand war fürchterlich. Zehn Menschen starben in den Flammen, wir aber retteten uns

C: Feuer, Feuer, Feuer. Erwacht ihr Männer von Thurneck

Ihr Weiber und Kinder des Fleckens erwacht

erwacht

Werft den Schlaf nieder

Pest Tod und Rache, diesen Schimpf sollt ihr mir büßen! (ab mit Gefolge)

(das Haus sinkt zusammen der Graf wendet sich, und drückt beide Hände vor die Stirne; alles was auf der Bühne ist, weicht

zurück und wendet sich gleichfalls ab. - Pause)

 

B: Da lagen so eigentümliche Dinge auf der Strasse ,erinnert sie sich und hält ihre Hände etwa 60 Zentimeter auseinander,” wie kleine Baumstämme. Bis man gesehen hat, das dass verbrannte Menschen waren”

 

D: Wie trostlos mir, die Erd hat nichts mehr schönes

A: die verbrannte Hand der Tante in der LIDLtüte

B: Das Bergen der Toten muss die Firma Koch und Meyer machen

 

D:Je mehr ich die Geheimnisse der Natur zu entdecken versuchte, um so mehr konnte ich feststellen, dass sie ausschließlich bemüht ist, den Menschen zu schaden. Bei allem, was sie unternimmt, werdet ihr sie nie anders finden als gefräßig, auf Zerstörung bedacht und böse, inkonsequent, voller Wiederspruch und

Heimsuchungen...

Ein zeitgenössischer Philosoph nannte sich den Geliebten der Natur - nun, mein Freund, ich halte sie lieber für meinen Henker.

Beobachtet studiert sie, diese grausame Natur

C: Die Peitsche her! an welchem Nagel hängt sie

Ich will doch sehen ob ich vor losen Mädchen,

In meinem Haus nicht Ruh mir kann verschaffen

(er nimmt die Peitsche von der Wand)

D: “ja so ist es richtig” sagte der Marquis, ehe er von neuem losschlug. Kaum hatte er die Worte,...,ausgesprochen, als die Schläge - diesmal noch heftiger - auch schon einsetzten.

C: und wer bist du,

Nichtswürdiger, dass du

Sie ...

Dass du sie dein nennst,

geiler Mädchenräuber,

Die Jungfrau, dir

vom Teufel in die Hölle,

Mit Knebeln und mit Banden angetraut.

B: schon detonierten die ersten Bomben

D: Kaum war der Befehl gegeben, so war er auch schon ausgeführt. Man band mir ein Schnupftuch um den Mund, schlang meine Arme fest um den Baum und fesselte mich mit Schultern und Beinen an den Stamm; meinen übrigen Leib ließ man frei von Stricken, damit auch nicht das geringste ihn vor ihren Schlägen bewahre, die ich erwartete.

Bevor er losschlug wollte er sich von meiner Verfassung überzeugen.

B: In diesem Moment gab es Vollalarm, was bedeutete, dass feindliche Flugzeuge sich der Stadt näherten. Schon hörten wir das Motorengeräusch der Vorausflugzeuge welche Leuchtbomben abwarfen und die Stadt taghell erleuchteten. Sie zeigten so den nachfolgenden Flugzeugen, wo sie ihre tödliche Fracht abzuwerfen hatten

C: Gott sagt ihr, hat die Welt aus nichts gemacht,

Und er, der sie durch nichts und wieder nichts

vernichtet, in das erste Chaos stürzt,

der sollte nicht der leidge Satan sein?

 

“Schweig alter grauer Tor”

 

Mein lieber Vater

Sind wir am Ziele

Ich danke dir mein lieber Vater

Gott im höchsten Himmel; du vernichtest

mich!

Du legst mir deine Worte kreuz-

weis,

wie

Messer in die Brust.........................................................................................................

B: Ein Fremder kommt, bleibt stehen, öffnet dem Toten den Kittel, nimmt die Brieftasche und geht weg

A: Ein Unheil geht von Bronn aus, dass heißt

C: “Käthchen! Mein Käthchen! Käthchen! Mein Käthchen”

(Stimme aus dem Fenster:) Kommt!

C: “Käthchen! Mein Käthchen! Käthchen! Mein Käthchen”

(Stimme aus dem Fenster:) Kommt!

C: “Käthchen! Mein Käthchen! Käthchen! Mein Käthchen”

(Stimme aus dem Fenster:) Kommt!

(..noch feuchte “Käthchentonfigur” wird aus dem Fenster auf den Tisch “Unheil” geschmissen, eine zweite folgt und eine dritte) (Schauspieler geht ich der ersten Stock . Mit ihm tragen zwei Personen das Tischblatt “Unheil” mit dem Tonmatsch. - Tischblatt wird abgelegt, Schauspieler A tritt mit seinen Schuhen in den Tonmatsch und liest weiter:))

C: und da wir an das Fenster treten: schmeißt sich das Mädchen, ...dreißig Fuß hoch, mit aufgehobenen Händen, auf das Pflaster der Strasse nieder: gleich einer Verlorenen, die ihrer fünf Sinne beraubt ist! Und bricht sich beide Lenden, ....beide zarten Lendchen. dicht über des kniegrundes elfenbeiernem Bau, und ich bejammerungswürdiger Narr, der mein versinkendes Leben auf sie stützen wollte, muss sie, auf meinen Schultern, wie zu Grabe tragen

E: Käthchen ´s Eierpunsch  3 Euro 90 Cent

Käthchen´s Fruchtkorb    2 Euro 90 Cent

C: Der Hirsch der von der Mittagsglut gequält,

Den Grund zerwühlt, mit spitzigem Geweih,

Er sehnt sich so begiehrig...

E: Käthchen´s “KM” Hochgewächsmischung 5 Euro 20 Cent

C: Gift Asche Nacht chaotische Verwirrung!

das Pulver reicht die Burg ganz wegzufressen

Mit Hund und Katzen hin!

E: Käthchens - Zöpfchen 9 Stück Heilbronner Käthchen-Zöpfchen  4 Euro 95 Cent

F: Dem Heilronner Käthchen - ich meine jenes aus Fleisch und Blut, sei angeraten, sich nicht dazu verführen zu lassen den Fenstersturz ihrer tönernen Kolleginnen auch noch durch ihre Anwesenheit zu unterstreichen. Sie könnten im blinden Aktionismus, mit Hinweis auf die Künstlerische Freiheit der Macher, gepackt werden und im Dienste der Kunst ebenfalls auf dem Pflaster landen.

In den Städtischen Museen findet eine Ausstellung statt, auf die mit einem Bild in der Zeitung hingewiesen wird. Dieses Foto zeigt kleine Skulpturen, die nackte weibliche Unterleiber darstellen. Der Künstler hat auf abstoßende Weise Figuren geschaffen die eher an Schweine erinnern als an Frauen. Da die Stadt trotz ihrer Geldnot die vulvomanische Ausstellung sponsert und somit gutheißt, ist wenig, glaubhaft, dass das “offizielle” Bronn durch alte Pornofilme einer begabten Schauspielerin in Verlegenheit gebracht werden könnten. - Die Vulvaschau wird als aphrodisierendes Resignativum bezeichnet, und nichts anderes sind die Pornostreifen der Heilbronnerin Sibel Kekilli auch, haben aber der Vorteil, das sie nicht mit Steuergeldern bezahlt wurden und nicht der Öffentlichkeit aufgedrängt werden, wie jene 5 Mädchenfiguren, die auf dem Dachrand des Theaters platziert wurden, das der gespreizte Schoß stadteinwärts weist, unzweideutig:

A :Die Auflösung dieses Rätsels ist:

Die 5 warten auf den Blitz - ihren Graf Wetter vom Strahl - die Bomber der Alliierten - vielleicht alle auf einmal -

und damit auf das Ende aller Unschuld.

(Schauspieler A öffnet seine Schuhe und steigt aus ihnen heraus und herab vom Tisch und spricht zu Ihnen)

Doch diese Schuhe gehen nicht mehr weiter.

Diese Schuhe stecken fest im Ton.

...