Herrn L´s Neue Weltgesellschaft für Glück

Herrn L´s neue Weltgesellschaft für Glück, nach seinem eigenen Vorbild und dem seines pragmatischen Vaters

Herr L war Künstler.

Herr L wohnte in M, einer sehr reichen deutschen Stadt, in der man immerzu das Gefühl vermittelt bekommt, dass Deutschland beide Weltkriege gewonnen hat.

Herr L lebte zum zweiten Mal auf dieser Erde.

Herr L war Gründer einer neuen Weltgesellschaft für Glück, nach seinem eigenen Vorbild und dem seines pragmatischen Vaters.

In seinem ersten Leben hatte er mit einem Freund zusammen, eine Weltgesellschaft für Glück gegründet. Er wollte die Menschen zu einem bewussten Handeln anregen. Jeder sollte seines Glückes Schmied sein – jeder für sich, in einer Gesellschaft, in der das Unglück des einen das Verständnis des anderen nach sich ziehen würde.

Ein Humus an Gerechtigkeit

Herr L sah aus wie Marcello Mastroiani. Seine junge Frau war nicht Anita Ekberg, wohl aber sah sie aus wie Catherine Deneuve. Er hat zwei wunderhübsche kleine Töchter und wohnte im reichsten Viertel dieser reichen Stadt. Er war gebildet, bereiste die Welt und war mit 36 Professor geworden.

Eines Tages, er war knapp 38 Jahre alt, ließ er unbeabsichtigt beim Arbeiten einen kleinen Hammer fallen. Er ging zum Arzt und dieser bescheinigte ihm eine unheilbare Blutkrankheit und eine Lebenserwartung von einem halben Jahr.

Seine Beerdigung war an einem strahlend blauem Frühlingstag, mit gefrorenen, leuchtenden Schneeresten in den Schattenbereichen der Gräber und Bäume. Es war ein exklusiver Friedhof, seine Kinder spielten Fangen mit den Kindern der unzähligen Freunde und Verehrer, die zu seiner Grablegung gekommen waren.

Diese Beerdigung strahlte eine abgründige Art des Glücks aus, die mich als ehemals entfernten Freund und neidlosen Bewunderer des Herrn L dazu anregte, mehr Wert auf mein bereits Ereichtes zu legen.

Ich fuhr von der Zeremonie nach Hause und nahm mir vor, in ein paar Jahren, als Reinkarnation Herrn L´s eine Neue Weltgesellschaft für Glück zu gründen, und zwar nach seinem eigenen Vorbild und dem seines pragmatischen Vaters, der wiederum eine sehr unangenehme Person war, aber als Gegengewicht die notwendige Schattenseite voll und ganz ausfüllen könnte.

Dieser pragmatische Vater, kurz PV, verkaufte Kraftwerke in die Welt ohne Rücksicht auf Verluste. PV pinkelte in unbeobachteten selbstzufriedenen Momenten in die Rosen seines eigenen, von Eternitplatten umgebenen Vorgartens - er schnitt die Fussnägel seiner behinderten Frau so kurz, dass er sie die nächsten zwölf Monate nicht mehr schneiden musste; seine drei Söhne die ihn allesamt enttäuschten, und denen er in ihrer Jugend ebenfalls die Nägel in gleicher Weise geschnitten hatte, bedachte er mit unausgesprochener Verachtung.

PV war der ungeliebte und beschwerliche Anker für alle Mitglieder der Neuen Gesellschaft, den sogenannten Glücklichen Fremdkörpern – die ohne ihn untergegangen wären, die im Glück und Erfolg, im Licht des Gelingens verglüht wären, so wie einst Herr L, hätte sein Schatten sie nicht gegen ihren Willen bedeckt und abgekühlt.

PV war dick und hatte unbehaarte Beine.

Geld Gott Gold – Kunst

Goldeinpeitscher
Scheinesser
Language
Gier

Der Mensch hatte immer den Wunsch, mit dem Höchsten, dem Vollkommensten, dem vielleicht Unerreichbaren innerlich zu verschmelzen. Er nannte das Gott und baute ihm riesige, unförmig himmelhohe Steinhäuser, in denen er ihm diente. Hängten eine Uhr an den Turm, um ihm zu zeigen, dass man ihm die eigene Lebenszeit widmen wollte (gerne in möglichst mühevoller Arbeit) … man vergoldete die Decken und Kruzifixe (eine der brutalsten Skulpturen, die ich kenne – ich selber könnte so etwas nicht herstellen) und glaubte an die Erlösung von all dem selbstgeb(r)auten Übel.

Nun ist Gott schon eine ganze Weile tot und die Gottesgebäude wurden von Bankgebäuden ersetzt, die zusammen mit Versicherungs- und Medientürmen ähnlich eitel in den Wolken kratzen. Wir, die wir in deren eckigen Schatten in seltsamer Freiheit leben, losgelöst von alten Idealen wie Stolz, Ehre, Pflicht, Gottesfurcht und Vaterland, haben die Uhr nun selbst am Handgelenk und glauben an das große subjektive Glück: „Wenn, dann …“ – wir sind ähnlich zukunftsverblendet … nur liegt der Himmel nicht mehr irgendwo, sondern auf dem Bankkonto oder in den Ferien.

Wo früher Gott seinen Schatten warf und die Menschen sich nichts sehnlicher wünschten, als mit diesem Schatten zu verschmelzen, da steht heute das große Gold und gibt den Dingen ihren Wert und Sinn. Die Angst vor dem Verlust Gottes ist nun der Angst vor dem nächsten Börsencrash gewichen, vor der Arbeitslosigkeit oder Arbeitsunfähigkeit … und man macht die unsinnigste Arbeit, erfindet den lustigsten Schrott, nur um den Schatten des Goldes auszufüllen, der sich um die Welt spannt.

So wurde der Mensch durch sein geübtes Schattenselbst sehr schnell geldähnlich und ist nicht mehr gottähnlich.

Das Geld – Gold – stiftet, anstatt des einen oder anderen Gottes, die innere Einheit von uns Menschen. Aber so fließend und unberührbar der Glaube an Gott früher war, so fließend und unberührbar ist auch das Geld. Denn Geld an sich hat keinen Wert … erst der Glaube an die Zahlen, vor allem die Anzahl der Nullen hinter der vordersten Zahl auf dem gedruckten Papier oder auf dem Kontoauszug lässt uns glauben, dass wir Wert besitzen, dass wir etwas wert sind … oder eben nicht.

Wir haben eine so verrückte Verbindung zum Geld, dass es bei uns sogar Gefühle auslösen kann und wir – egal was wir für einen Gegenstand betrachten – uns sofort vorstellen können, was er in etwa kostet … wie viele Nullen er hinter der vordersten Zahl besitzt … Stuhl, Tisch, iPhone, Jeans, Auto, Haus, Hund, Prostituierte … alles ist durchschaubar geworden für uns … aber die Kunst?

Das Allerverrückteste ist: Ob ein modernes Kunstwerk eine Million Dollar kostet oder nur ein paar Hundert, das kann niemand sagen. Wenn man aber ein Gemälde, das einem sehr gut gefällt, unbedingt besitzen will … dann ist man bereit ,eine bestimmte Summe dafür zu bezahlen … eine Summe, die sich mit dem Gefallen, der inneren Freude, verbindet. Und so steht diese Summe, diese Zahl – ob sie nun ausreicht oder nicht – für unser Geldempfinden … so hat der Glaube an die Nullen, so hat das Geld auch eine seelische Ebene geschaffen, die in uns spricht.

Lustig wiederum ist, dass auf modernen Gemälden manchmal nahezu nichts zu sehen ist … ein paar Striche hier, ein paar Striche dort … das ist alles. Manchmal wird auch nur gekleckert oder ein Bild ist vollkommen schwarz … und doch kostet es Millionen!

So ist der moderne Künstler eine Art Geldheiliger, der es vollbracht hat, den Wert hinter Klecksen und Streifen so zu verstecken, wie man früher meinte, Gott sei vor allem in der Ärmlichkeit einer Mönchszelle anwesend, bei einem Bettler, den Kranken und Bedürftigen … noch eher gehe ein Kamel durch das Nadelöhr, als dass ein Reicher in den Himmel komme.

Und dann ist es im Umkehrschluss so: Wenn man als Künstler ein Kunstwerk nicht verkauft – ob es nun mit einer Million oder nur für einen Dollar zum Kauf angeboten wird und nach der Ausstellung oder vollkommen ungesehen im staubigen Keller bis zu seinem Verfall verharrt –, so hatte es nie einen Wert und wird auch nie einen besitzen, um diesen verlieren zu können … ob es nun voller genialer Kleckser und Spritzer war oder Dutzende Künstler an diesem einen Bild über Jahre hinweg gearbeitet haben.

Denn wieder stimmt der Vergleich: Wenn Gott nicht angenommen wird oder er sich gar nicht erst zeigt, dann existiert er nicht … so wie ein ungesehenes Kunstwerk im Keller.

Zahnersatz

Goldeinpeitscher

Und so wie einige Künstler nach dem Verkauf ihrer Werke davon sprechen, sie hätten aus Scheiße Gold gemacht … so wird das vermeintliche künstlerische Gold, wenn es nicht gehandelt und nicht gekauft wird wieder zu Scheiße … und das stinkt dem Künstler ebenso wie dem Galeristen.

Während Geld sich heute nur aus Zahlen und Glauben zusammensetzt und Gott nur durch den Glauben entstand, so ist das Gold ein reales Metall, das allerdings industriell keinerlei Nutzen hat – es ist zu weich und taugt nicht zu viel mehr als zum Zahnersatz oder Schmuck, weil es formbar und leicht zu gießen ist.

Afrika hat eines der größten Goldvorkommen der Erde. Die Minen, besonders jene um Johannesburg, werden seit Anfang des letzen Jahrhunderts systematisch ausgebeutet … bis auf den letzten kleinen Krümel fließt dieses Gold nach Holland, England … in die westliche Welt.

Auch nach dem Ende der Apartheid in Südafrika hat sich daran nichts geändert. Mandela wurde nach seiner Wahl zum neuen Präsidenten von den Präsidenten der demokratischen westlichen Staaten sehr schnell aufgeklärt, dass er seine eigenen Minen haben könne, aber niemand auf der Welt sein Gold kaufen würde … afrikanisches Gold wäre einfach nur ein nutzloses Metall … einfach nur Scheiße, dafür würde man sorgen.

Menschen mit Gold

Goldtransfer in Johannesburg

So ist es heute in den meisten Ländern Afrikas wie vor 200 Jahren und jeder neue afrikanische Politiker, der auf die Idee kommt, das Gold gehöre im Grunde den Afrikanern selbst und dass es ihnen vom Westen geraubt werde … so wie auch das Öl, die Diamanten …, der landet früher oder später im Knast oder irgendwo im Busch unauffindbar.

Und wenn die Minenarbeiter einmal streiken, weil die Arbeit in einer Tiefe von bis zu 3000 Metern ganz und gar unterbezahlt ist, so wird nicht lange verhandelt, sondern man erschießt sie … auch heute noch.

Aber was um Himmels Willen ist Gold! Woher kommt dieser immense Wert … die Idee, dass dieses Metall etwas Besonderes sei … wenn man es doch so gar nicht gebrauchen kann.

Kommt es vielleicht indirekt vom schönen Schein, vom Schmuck, dem Gottesschmuck der Kirche, der Königskrone … konnte man den Menschen dadurch weismachen, es hätte einen anbetungswürdigen Wert? Wann wurde begonnen, Menschen mit Gold aufzuwiegen, sie für Gold zu erschlagen, zu verkaufen?