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Im Rahmen der Ausstellung "Schrift-Bilder-Denken, Walter Benjamin und die Kunst der Gegenwart", Berlin, Haus am Waldsee 2004/05 

 

Holy water

Hannah Arendt konnte vor den Nationalsozialisten aus Berlin über Paris und Marseille nach Amerika fliehen und sprach später von dieser erzwungenen Emigration als dem größten Zufall und Glück in ihrem Leben. Walter Benjamin wurde, auf fast demselben Fluchtweg, zwischendurch in einem französischen KZ interniert. Er konnte fliehen, blieb aber nach einem mühsamen Fußmarsch in den Pyrenäen hängen, wo er vollkommen entmutigt und erschöpft seinem Leben ein Ende machte.

In Berlin lebt noch heute eine Frau, die damals unter Benjamins Wohnung in einem Pariser Mietshaus wohnte. Sie berichtet, wie nachts sein Badewasser durch die Rohre an ihrem Bett vorbeirauschte. Als ein Benjamin-Verehrer in Amerika dies erfuhr, rief er aus: „ Oh! Holy water!“

 

Walter Benjamin: „Was haben sie auf dem Herzen, Herr März?“

Volker März: „Ach Herr Benjamin, folgender Satz von Ihnen lässt mich schier verzweifeln, weil ich ihn nicht verstehe: … denn im Glück erstrebt alles Irdische seinen Untergang, nur im Untergang aber ist ihm sein Glück zu finden bestimmt …“.

 

Walter Benjamin: „Das ergibt keinen Sinn, das habe ich nur so dahin geschrieben.“

 

Volker März: „Danke!“

 

Das Geborensein / Die Natalität

 

Damit also ein Anfang in der Welt sei, ist der Mensch entstanden. Vor ihm waren keine anderen Menschen da. Mit jedem Menschen tritt nun die Freiheit in die Welt, etwas Neues anzufangen … also sind wir Anfänger, nicht in erster Linie Sterbliche, sondern Geborene … oder noch besser – wir sind, indem wir geboren werden: das Neue.

 

Die Neuen, die so handeln dürfen, als seien sie zum ersten Mal auf der Welt, was ja eine Tatsache ist.

 

Verstehen die Neuen die Welt nicht, so müssen sie fragen: Warum habt ihr die Welt so gestaltet?! Gefällt ihnen die Antwort auf diese Frage nicht, gefällt ihnen die Welt nicht so, wie sie bislang gestaltet wurde, so sollten wir versuchen das zu ändern: Staat, Schule, Elternhaus und Freunde. Da wir immerzu die Neuen sind, sollten wir auch anfangend immerzu das Neue versuchen … und wenn es noch so unperfekt sein sollte.

 

Wie wunderbar wäre es, wenn das auch den Politkern klar werden würde, dass sie, die auch einmal die Neuen waren … und eigentlich noch die Neuen sind, denn die Alten sind ja alle fort, dass ihnen klar werden würde, dass sie jeden Tag die Möglichkeit haben, alles zu ändern und dass es keine Pflichten aus der Vergangenheit gibt, die sie zu erfüllen haben.

 

Aber oft sind diese Politiker von ihren Eltern, der Schule, dem Staat falsch erzogen worden – zu Allgemeingehorsam, Allgemeinbildung, üblicher Geltungssucht … so haben sie den Blick auf den Anfang verloren … und sind daher keine Anfänger mehr, sondern Verlierer oder Verlorene.

 

So in etwa verstehe ich Arendts Begriff von der Natalität, auch wenn sie selbst nie ein Kind geboren hat.

 

Die profane Erleuchtung setzt die religiöse Erleuchtung außer Kraft. Nicht Gott oder das Geld, kein Erziehungsratgeber + Psychologie sagen uns, was wir tun sollen …, sondern wir müssen uns auf uns selbst verlassen – unseren Instinkt, unsere Intuition … das Banale … wie zum Beispiel die Mitmenschlichkeit, die Liebe.

Wenn ich Hunger habe, muss ich etwas essen, wenn ein Kind weint, so muss es getröstet werden und wenn es schreit, dann müssen wir es fragen, warum es schreit und wenn es noch nicht sprechen kann, dann müssen wir uns fragen, warum es schreien könnte, warum wir als Erwachsener immer wieder heimlich innerlich schreien, oder besser noch: warum wir als Kind geschrieen haben, was uns gefehlt hat und was uns hätte helfen können.