Auf dem Esel in die jeweilige Freiheit

Natascha K.

Natascha K.

Im Jahr 1998 wurde die damals zehnjährige Natascha Maria K. vom arbeitslosen Nachrichtentechniker Wolfgang P. in Wien auf dem Weg zur Schule in einen Kleintransporter gezerrt und infolge 3096 Tage lang in einem eigens eingerichteten fünf Quadratmeter kleinen Keller seines Einfamilienhauses hinter extrem dicken Türen ohne Fenster gefangen gehalten. Am Tag, an dem sich Natascha Maria K. im Alter von 18 Jahren selbst befreien konnte, schmiss sich Wolfgang P. vor einen Zug.

Trotz der täglichen Gewalt, des Kummers, des Hungers und der Hilflosigkeit schafft sie es aus eigener Kraft, nicht nur ein hilfloses Opfer zu sein. Durch bewusste Anpassung bei gleichzeitiger Wahrung der Distanz gelingt es ihr, in die innere Emigration zu flüchten, ohne sich darin vollkommen zu verlieren.

So durchschaut sie den Täter schon als Zehnjährige recht schnell als einen einsamen, verwirrten Mann, der vermutlich selbst Opfer seiner Familie, vor allem seiner Mutter geworden ist. Ihn als Monster zu bezeichnen, lehnt sie vehement ab, da er sich nur in seiner extremen Rolle als Entführer von einem Normalbürger unterscheidet.

Seine pedantischen Forderungen nach Nataschas bedingungslosem Gehorsam und die Verwechslung von funktionierendem Gehorsam mit Einsicht oder gar Zuneigung findet in ähnlicher Weise in endlos vielen familiären Wohnzimmern zwischen Erwachsenen und ihren Kindern statt, weil sie diese als ihren Besitz ansehen.

Das Erstaunlichste ist, dass Natascha es schaffte, dem Täter täglich zu verzeihen, um nicht im Hass zu versinken, sondern am nächsten Tag weiterleben zu wollen. Ein Opfer, das sich nach seiner Selbstbefreiung selbst als Sieger bezeichnet, löst jedweden Opfer- und Täterbegriff auf …

So sorgte der arbeitslose Nachrichtentechniker Wolfgang P. indirekt mithilfe von Natascha Maria K. für eine wirklich gute Nachricht.

Laos

Laos

Laos V. aus Prag war sich als kleiner Junge ganz sicher, dass er zwei Herzen in seiner Brust hatte. Er spürte beide Herzen ganz deutlich schlagen.

Es war sein großes Geheimnis.

Als er etwa sieben Jahre alt war, wurde der kleine Laos schwer krank und man vermutete Tuberkulose, sodass er zum Röntgen in ein Krankenhaus gebracht wurde.

„Nun wird man mein Geheimnis ganz sicher entdecken“, dachte der kleine Junge, als er aus dem Röntgenraum herauskam und vor dem Tisch des Oberarztes Platz nahm.

Doch als der Arzt mit besorgtem Gesicht die Röntgenbilder der entzündeten Lungenspitzen begutachtete, waren keine zwei Herzen zu erkennen.

„Nicht einmal ein noch so moderner Röntgenapparat kann mein Geheimnis entdecken“, dachte der kleine Laos, war glücklich und wieder ganz er selbst.

Der halbe Engel

Sein Esel hat es mir heimlich erzählt

A: „Wer sitzt da auf einem Esel und öffnet die linke Seite seiner Brust?“

B: „Das ist ein halber Engel!“

A: „Warum reitet ein halber Engel auf einem Esel?“

B: „Weil er nicht mehr fliegen kann. Er hat nur noch einen Flügel und würde immerzu im Kreis herumfliegen und käme nie an sein Ziel.“

A: „Ein Ziel?“

B: „Ja, er will zu uns, um uns seine Erkenntnis zu überbringen.“

A: „Ja, um Himmelswillen … was denn für eine Erkenntnis?“

B: „Die Erkenntnis, dass die absolute Macht der Mathematik seit ungefähr drei Generationen das Leben in rasantem Tempo entleert und die Menschen und ihre Umwelt zugrunde gerichtet hat.

Wir sollen nicht mehr an die Richtigkeit von Zahlen glauben. Alle Zahlen sollen mit Ausnahme der Eins abgeschafft werden, damit der Engel wieder fliegen kann.“

A: „Woher weißt du das alles?“

B: „Sein Esel hat es mir heimlich erzählt.“

Petr Ginz

Petr Ginz und sein Mond

Petr Ginz wurde 1928 in Prag geboren und nachdem er 1942 ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert worden war 1944 in Auschwitz ermordet.

In seiner Prager Jugend, aber auch in Theresienstadt malte und schrieb er leidenschaftlich viel. Sein Lieblingsautor war Jules Verne.

Eines von Petrs Mondlandschafts-Aquarellen nahm ein israelischer Astronaut 2003 mit ins All. Sein Raumschiff, die Columbia, verglühte am 1. Februar, genau an Petrs 75. Geburtstag.

Petrs Tagebuch, das Jahre später auf einem Dachboden gefunden wurde, ist für mich wie ein Fenster, durch das ich in aller Ruhe in die Zeit des Nationalsozialismus schauen kann. In der klaren Nüchternheit seiner Beschreibungen kann ich das Ticken der damaligen Uhr vernehmen und die langsamen Veränderungen betrachten, in welche sich die Gedemütigten in stoischer Ruhe begaben. Nach und nach wird ihnen nach außen hin ihre Identität genommen – doch nach innen bleibt das meiste, wenn nicht sogar alles intakt … jedenfalls bei Petr.

Sein Tagebuch beginnt mit den Sätzen:

 19.IX.1941 (Freitag)

Es ist neblig. Die Juden müssen ein Abzeichen tragen, das ungefähr so aussieht: (Zeichnung des Judensterns) Auf dem Weg in die Schule habe ich 69 „Sheriffs“ gezählt, …